LISSY - Geschichte einer Katzenmama

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Mitte August wird beim Tierarzt eine hübsche junge Katzenmama abgegeben - im Schlepptau vier Babys - ein weiteres hat sie einen Tag vorher bei der Geburt schon verloren. Das ist zwar sehr traurig, aber leider nicht so ungewöhnlich bei zugelaufenen Katzen. Viel schlimmer ist ein Darmvorfall, den sie sich wohl bei der Geburt zugezogen hat und der deshalb auch schon einen ganzen Tag anhält. Damit ist das Darmgewebe teilweise abgestorben, muss entfernt - und der Rest vernäht werden.

Noch während des Aufenthalts beim Tierarzt stirbt der zweite Welpe. Als Katzenmama Lissy medizinisch versorgt ist kommt sie zu ihrer Päppelmama Andrea. Dort gewöhnt sich die junge Familie schnell ein - und trotzdem stirbt einen Tag später auch noch das dritte Baby. Die beiden anderen entwickeln sich zu echten Wonneproppen.

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Am 26. August bringt ein aufmerksamer Mitmensch zwei neugeborene Kätzchen - noch mit der Nabelschnur dran und höchstens einen Tag alt - in`s Tierheim des Katzenschutzes. Er hatte sie unter seinem Auto entdeckt. Nun kann man darüber spekulieren wie diese beiden dort hingekommen sind - eine Katzenmutter legt ihre Neugeborenen ganz sicher nicht unter ein Auto auf die Straße.

Die Überlebenschancen unter diesen Voraussetzungen sind mehr als bescheiden. "Glücklicherweise" gibt es ja Lissy, die nur noch zwei Welpen zu versorgen hat. Emotionale Berg- und Talfahrten sind Tierschützer ja schon gewöhnt, deshalb kalkuliert man auch hier immer wieder Enttäuschungen mit ein. Das Schwächere der Babys - man konnte es bei seinem Zustand schon ahnen - überlebt nicht. Alleine sein ist auch für Katzen nicht gut und solche Winzlinge sollten einfach eine Amme haben. Lissy akzeptiert dieses Baby und versorgt es jetzt auch dauerhaft. Sie säugt nun ihre "drei Musketiere", putzt sie und ist eine liebevolle Mami!

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Allerdings ist die heiße Schlacht an der warmen Milchtheke nichts für Zartbesaitete, denn - dieses kleine dunkle Etwas, das man leicht mit einer Eidechse verwechseln könnte, bringt gerade mal 80 Gramm auf die Waage - wogegen die beiden roten Brüder schon mehr als das Vierfache wiegen. Das ist ungefähr so, als würde man die Boxweltmeisterin Regina Halmich zusammen mit den Klitschko-Brüdern in den Ring schicken, um sich auf eine große Suppenschüssel zu stürzen.

Aber - dieses Händchen voll Katze beißt sich durch und lässt sich auch durch Fußtritte seiner Mitbewerber nicht von Mama`s Zitze verdrängen. Damit das Kleine trotz dieser Kämpfe nicht auf der Strecke bleibt, gibt es von Päppelmama Andrea natürlich immer noch ein Fläschchen separat dazu. Auch wenn sie dazu nachts um drei aufstehen muss, damit der Winzling nicht abnimmt. Morgens um sechs natürlich auch - und Papa übernimmt diesen Job selbstverständlich tagsüber und bis Mitternacht. So kann Mama Andrea zwei Stunden vorschlafen - für berufstätige Menschen ja nicht unwichtig.
So weit so gut. Zwei Wochen später - Freitag morgens um sechs - helle Aufregung! Das Päppelzimmer ist überall mit Blut verschmiert - Lissy hat wieder einen Vorfall - und das Ende des Dickdarms hängt mehrere Zentimeter heraus.
Halb Acht, die junge Mami liegt beim Tierarzt auf dem Untersuchungstisch und hat ihren Darmvorfall schon selbst bereinigt - er hat sich einfach zurückgezogen. Nach kurzer Beratung für einen weiteren potentiellen Notfall geht es nun wieder nach Hause. Es ist also möglich dass so etwas wieder mal passiert - und wenn sich das Problem wieder von selbst löst - auch kein Grund zur Beunruhigung. Erstmal Entwarnung!

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Sonntag morgens um sieben - die Welt ist nicht in Ordnung - dasselbe Bild, Blut überall und ein relativ kleiner Darmvorfall mit ca. zwei Zentimetern. Nach kurzem Gespräch mit dem Tierarzt wird für Montagmorgen ein Termin vereinbart. Drei Stunden später zieht sich der Vorfall wieder zurück. Wieder eine gewisse Beruhigung bei der Päppelmama.

Ein neuer großer Vorfall am Spätnachmittag löst sich nicht mehr von alleine, sondern hat zwischenzeitlich eine Dimension erreicht, die zu sofortigem Handeln zwingt.

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Sonntagabend - dieses Mal spielt der "Tatort" nicht im TV, sondern in der Klinik.
Der Darmvorfall ist so groß geworden, dass er sich auf keinen Fall mehr selbst regulieren kann - und damit ab zur Tierklinik, denn es ist ja nun schon kurz vor 20.00 Uhr. Vor der OP wird vorsichtshalber noch ein schnelles Blutbild gemacht, da der Allgemeinzustand der Mieze nicht sehr gut ist. Zurecht, wie der Test zeigt, die Blutwerte sind katastrophal, trotzdem - der Darm muss wieder rein - und mit einer kurzen Narkose wird das erledigt. Auch das Röntgenbild zeigt ein wildes Durcheinander im Darmbereich - kein Wunder - bei diesem "ständigen Raus und Rein" ! Damit sich dieses Schlammassel nicht gleich wiederholt, näht man den hinteren Ausgang teilweise zu, so dass nur noch "kleine Würstchen" passieren können. Nach einer Transfusion darf die ganze Familie endlich wieder nach Hause - es ist ja auch schon Mitternacht vorbei. Weil nicht klar ist, wie lange die ganze Angelegenheit jeweils dauert, sind die "Klitschko`s" und ihr Zwerg selbstverständlich immer dabei. Und diese drei finden Autofahren auch viel lustiger als ihre gestresste Mama.

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Am nächsten Vormittag steigen schon wieder alle in`s Auto, denn - die morgendliche Visite in der Tierklinik hat ergeben: Vorsichtshalber sollte noch eine Ultraschall-Untersuchung gemacht werden, um sicher zu gehen, dass kein weiterer Welpe im Bauch der Mami zurück geblieben ist, der für die Entzündung in der Bauchhöhle verantwortlich gemacht werden könnte. Das erledigt die Tierheim-Ärztin - und stellt dabei eine vergrößerte Gebärmutter fest, die umgehend entfernt werden sollte, damit auch diese zukünftig keine Probleme mehr macht. Also - OP-Termin am nächsten Tag. Welpenfund - negativ - damit heißt es weitersuchen nach der Ursache.
Lissy selbst wirft aber die ganze Zeitplanung wieder über den Haufen, denn - das eigentlich Unwahrscheinliche ist passiert - die Enddarmnaht ist aufgebrochen.
Das bedeutet - Montagabend um halb zehn - wieder in die Tierklinik mit der ganzen Familie. Der Vorfall wird sofort versorgt, aber Lissy muss stationär aufgenommen werden und trotz vollem Terminplan wird ihre OP am nächsten Tag irgendwo eingeschoben. Die Gebärmutter wird entfernt - so hat sich das auch gleich mit der geplanten Kastration erledigt - und der Enddarm wird an der Bauchdecke angenäht.

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Damit "sollten" diese Darmvorfälle endgültig der Vergangenheit angehören ! Abends um sieben darf die junge Katzenmama wieder nach Hause zu ihrem Nachwuchs und hat sich bereits wieder so gut erholt, dass sie ihren äußerst ungeliebten Transportkorb fast demoliert. Und das, obwohl sie sonst eine sehr liebenswürdige und schmusige Mieze ist. Aber - Autofahren ist halt nicht ihr Ding.

Zuhause hängt sie die nächsten zwei Tage etwas durch - sicherlich kein Wunder bei soviel "action" - und bei der Nachuntersuchung wird überlegt, die Katze wieder in der Klinik zu lassen, um sie mit einigen Transfusionen wieder aufzupäppeln. Doch - hier fällt ihr wohl ein - das wäre ja wieder mit Autofahren und Transportbox verbunden, deshalb mobilisiert sie ihre ganze "Katzenmamapower". Sie kümmert sich intensiv um ihre Kleinen, säugt und putzt sie und vor allen Dingen hat die zierliche Mieze permanent Appetit wie ein Scheunendrescher ! Hier sind nun ihre Dosenöffner gefordert, den Futterbrei schön dünn zu halten, damit das "Endprodukt" auch nicht zu fest wird. Der strapazierte Darm soll ja weitgehend geschont werden.
Bis dato sind nun immerhin schon 900.- Euro an Kosten für die gesamte Medikation angefallen, aber - nachdem auch die Ergebnisse der Biopsie negativ ausgefallen sind, hat sich Lissy - zusammen mit ihren drei Nachwuchs-Stubentigern - ihre Chance für eine erfreulichere Zukunft wahrlich verdient!

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Zehn Tage lang war die hübsche Katzenmami nun schon vernünftig und hat sich ihre Fäden nicht selbst gezogen, sondern dieses Aufgabe den Fachleuten überlassen. Sowohl die dazu gehörige Autofahrt, als auch den Besuch in der Tierklinik hat Lissy geduldig hingenommen und in stoischer Ruhe über sich ergehen lassen. So verwunderlich ist das auch wieder nicht - wird sie doch von den Tierärzten dort immer sehr freundlich und liebevoll aufgenommen.

Auf ihre drei Babys und ihre Leistung als Mami darf sie wirklich stolz sein, denn das Zwergle hat zwischenzeitlich mit über 400 Gramm den Abstand zu den "Klitschko`s" mit 700 und 900 Gramm deutlich verkürzt und allen gezeigt, dass Kämpfer immer eine Chance haben. Seit dem letzten Klinikbesuch weiß Päppelmama Andrea nun auch, warum sich diese Handvoll Katze unter diesen Schwergewichten von Brüdern so gut behaupten konnte - es ist nämlich ein starkes Katzenmädchen.

Nun haben Lea, Tassilo und Benji - alle zusammen! - ein neues liebevolles Zuhause gefunden. Diese Geschichte zeigt, solche Katzenmamas sind wirklich toll - und Päppelmuttis eben auch. So gibt es auch bei uns im Tierschutz immer wieder mal Momente, in denen man den Weihnachtsstern nicht über Bethlehem, sondern über dem Gehege des Katzenschutzes in Donzdorf sehen konnte. Man musste nur genau hinschauen.